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Parodontitis (Zahnbetterkrankung)
Hochgradig entzündetes Zahnfleisch. Durch starken Knochenabbau liegen die Zahnhälse frei.














Wird eine Zahnfleischentzündung nicht behandelt, geht die Entzündung auf den Kieferknochen über. Die Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS IV, 2006) zeigt eine deutliche Zunahme von Parodontalerkrankungen: „Mittelschwere und schwere Parodontalerkrankungen haben bei Erwachsenen und Senioren seit der letzten Erhebung 1997 um 26,9 Prozentpunkte bzw. 23,7 Prozentpunkte zugenommen. [...] Parodontalerkrankungen sind weit verbreitet. Unter den Erwachsenen leiden 52,7% unter mittelschweren und 20,5% unter schweren Formen der Parodontitis. Bei den Senioren sind 48,0% von einer mittelschweren und 39,8% von einer schweren Erkrankung betroffen."

Diese sogenannte Parodontitis, fälschlich oft auch als „Parodontose“ bezeichnet, führt zu einem langsamen Abbau des Zahnhalteapparates. Fasern, Gewebe und Knochen rund um die Zähne werden zerstört. Äußerlich ist das an einem Rückgang des Zahnfleisches und dem dadurch bedingtem Auftreten von "längeren Zähnen"  zu erkennen.
Im fortgeschrittenem Stadium kommt es durch den Halteverlust zu Zahnlockerungen, zu Zahnkippungen oder zur Lückenbildung in der Zahnreihe. Zusätzlich zum starken Zahnfleischbluten kommt es zu Tascheneiterungen


Parodontitis bei 65-jährigem Patienten. Aufgrund der freiliegenden Zahnhälse erscheinen die Zähne länger. (Foto: Spitta).

 

 

 

 

65-jähriger Patient mit Parodontitis. Aufgrund der freiliegenden Zahnhälse erscheinen die Zähne länger.
Foto: Spitta


 

 

Wie entsteht eine Parodontitis?

Wie bei der Gingivitis sind auch bei der Parodontitis Bakterien für die Entzündung verantwortlich. Diese Bakterien dringen über die Zahnoberfläche langsam in Richtung der Zahnwurzel vor. Da die Bakterien in einer Zahnfleischtasche sitzen, können sie durch die Zahnbürste nicht mehr erreicht und beseitigt werden. Die Bakterien bilden auf der Zahnwurzel einen klebrigen Belag, die sogenannte "Plaque". Dieser Belag wandelt sich nach einiger Zeit in Zahnstein um. Es entsteht eine andauernde Entzündung, die phasenweise schwächer und stärker wird. Letztlich führt diese Entzündung zum Abbau des den Zahn umgebenden Knochen. Es bilden sich tiefe Zahnfleischtaschen. Der Zahn wird locker und fällt bei weiterem Knochenabbau aus.

Das Zahnfleisch hat sich durch Beläge entzündet.

Durch die Entzündung haben sich Zahnfleischtaschen gebildet.

Die fortdauernde Entzündung führt zum Knochenabbau. Die Zähne lockern sich.

Belag (Plaque) reizt das
Zahnfleisch, die Zahnfleisch-
papillen entzünden sich.

Die Zahnfleischtaschen ent-
wickeln sich durch weiteres
Vordringen der Entzündung
und die Verbindung zwischen Zahnfleisch und Zahn und
der gesamte Zahnhalteapparat
werden geschädigt.
Der Zahnhalteapparat ist
weitgehend zerstört, der
 Knochenabbau und die
 Lockerung des Zahnes
 beginnt.























 

Ablaufschema Gingivitis - Parodontitis

Zwar ist mangelhafte Mundpflege die Hauptursache für Parodontitis. Es sind aber auch bestimmte Risikofaktoren bekannt, die die Entstehung dieser Krankheit begünstigen. Hierzu gehören:

Das Rauchen Parodontitis fördert ist nicht nur Wissenschaftlern (Walter et al. 2007), sondern mittlerweile auch in der breiten Bevölkerung bekannt. Weniger bekannt ist, das die gerade bei Jugendlichen als Modetrend beliebte Wasserpfeife sogar noch schädlicher für den Zahnhalteapparat ist. Zu diesem Ergebnis kommt eine schwedische Studie am Karolinska Institutet, Stockholm (Natto 2005, Natto et al. 2005). Laut der American Academy of Periodontology (2005) ist es ein Irrglaube, davon auszugehen, dass das Wasser schädliche Stoffe ausfiltert. Auch wenn der Rauch durch das Wasser geleitet wird, sei die Konzentration an giftigen Substanzen ähnlich oder sogar größer als beim Zigarettenrauch.

Neuere Studien scheinen außerdem einen Zusammenhang zwischen Immunsystem und der Entwicklung entzündungsfördernder Zahnbeläge zu belegen (Fuhrmann 2006, Schlagenhauf 2007). Es wird angenommen, dass verschiedene Gene mitverantwortlich für die Entstehung einer Parodontitis, insbesondere der aggressiven Verlaufsform, sind. Allerdings ist noch wenig darüber bekannt, welche Gene für die Parodontitis als Krankheitsgene konkret verantwortlich zu machen sind. Hier besteht noch weiterer Forschungsbedarf (Netzwerk Entzündungsforschung 2007). Trotzdem stehen für Parodontalerkrankungen noch immer nicht-genetische Faktoren im Vordergrund. Ent-scheidend für Vorbeugemaßnahmen sind beeinflussbare Risikofaktoren – allen voran das Rauchen.
 

Einteilung der entzündungsbedingten Parodontalerkrankungen

Entzündungsbedingte Parodontalerkrankungen werden in drei Kategorien unterteilt: Diese umfassen die chronische Parodontitis, parodontale Erkrankungen aufgrund einer systemischen Erkrankung sowie die aggressive Parodontitis, die in lokalisierter  oder generalisierter Form auftritt (siehe Tabelle). Die weitere Klassifizierung der chronischen Parodontitis erfolgt nach Ausmaß und Schweregrad. Sie kann durch das Auftreten von Diabetes mellitus, einer HIV-Infektion, durch Rauchen oder durch Stress weiter modifiziert werden. Aggressive Parodontalerkrankungen betreffen etwa ein bis fünf Prozent der Bevölkerung. Die aggressive Parodontitis des heranwachsenden Jugendlichen entwickelt sich mit Einsetzen der Pubertät – zunächst meist unbemerkt. Daher ist besonders bei jungen Patienten eine regelmäßige parodontale Untersuchung empfehlenswert.

        Kategorie        Beschreibung
  • Chronische Parodontitis

  • Parodontale Manifestation systemischer Erkrankungen


  • Aggressive Parodontitis

  • Leichter (1), mittlerer (2), schwerer Schweregrad (3)

  • 1. Hämatologische Störungen (z.B. Leukämie)
    2. Genetische Störungen (z.B. Down-Syndrom)
    3. Weitere nicht spezifizierte Störungen

  • 1. Lokalisierte Form
    2. Generalisierte Form


Parodontitis – Gefahr für den Körper?

Eine Parodontitis bedroht nicht nur Zähne und Zahnhalteapparat. Sie stellt auch eine Gefahr für den gesamten Körper dar. So wird beispielsweise immer wieder diskutiert, ob Parodontitis eine mögliche Ursache für Frühgeburten bzw. Neugeborenen mit geringem Geburtsgewicht sein kann (Jeffcoat 2001, Medianos 2002). Der Parodontologe Prof. Michael J. Noack von der Universität Köln geht davon aus, dass Schwangere mit Parodontitis ein siebenfach höheres Risiko für Frühgeburten aufweisen als Frauen mit gesundem Zahnfleisch (www.medaustria.at 2000, Zahnärztekammer Nordrhein 2005).

 Parodontitis und mögliche Folgen. Viele Aussagen bisher nicht evidenzbasiert! Grafik: ©sebastian kaulitzki - Fotolia.  






Parodontitis und die möglichen Folgen:

Diabetes: Risiko 2-11fach
Schlaganfall: Risiko 2fach
Atherosklerose: Risiko 2fach
Frühgeburt: Risiko 4-8fach höher als
                    bei Gesunden
Osteoporose: Risiko 2-4fach
chronische Erkrankung der Atemwege: 2-4faches Risiko

(nach Hetz/Hendriks 2004,
Grafik: ©sebastian kaulitzki - Fotolia)

 

 Zu einem völlig anderen Ergebnis kommen US-amerikanische Forscher. Nach ihrer Studie hat eine Parodontitis-Behandlung keinen Einfluss auf das Risiko einer Frühgeburt (Michalowicz et al. 2006). Die Autoren Folgern, dass die Behandlung der Parodontitis bei schwangeren Frauen die Parodontalerkrankung bessert,  jedoch keinen nachweisbaren Einfluss auf die Raten von Frühgeburten oder geringem Geburtsgewicht hat. Damit bestätigen die Forscher die Arbeit von Khader (2006), der die Ergebnisse verschiedener Studien zu diesem Thema verglich ("Meta-Analyse"). Aufgrund seiner Analyse geht Khader  ebenfalls davon aus, dass es auf Basis der vorliegenden Studien keinen Beweis dafür gibt, dass die Behandlung von Parodontalerkrankungen das Risiko von Frühgeburten verhindern könne. Auch wenn letzte Klarheit noch nicht besteht:  Frauen mit Kinderwunsch sollten dennoch frühzeitig den Status der Mundgesundheit überprüfen und gegebenenfalls eine vorhandene Zahnfleischentzündung ("Gingivitis"), erst recht aber eine Zahnbettentzündung (Parodontitis) behandeln zu lassen.

Forscher der Universität Buffalo fanden heraus, dass eine chronische Parodontitis das Risiko für Zungenkrebs erhöht, unabhängig von anderen Variablen wie Rauchen, Alter oder Anzahl der Zähne (Tezal et al. 2007). Andere Studien berichten über einen Zusammenhang von Erkrankungen der Herzkranzgefäße und Parodontitis (Tonetti et al. 2007, Seymour 2007). Zwar gibt es verschiedene Mechanismen, die einen Zusammenhang zwischen Herz- und Zahnbetterkrankungen bewirken können. Demgegenüber stehen jedoch Studien, die mäßige oder stark erhöhte Infarktrisiken bei Parodontitis ausschließen. Da kardiovaskuläre Erkrankungen einen multifaktoriellen Krankheitsprozess darstellen, sind weitere klinische Studien erforderlich, um zu klären ob durch Parodontitis das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankung erhöht wird.

Diskutiert werden auch Zusammenhänge zwischen Parodontitis und chronisch-obstruktive Lungenerkrankungen (Eickholz u. Streletz 2005). Allerdings teilen sich Parodontitis und obstruktive Lungenerkrankungen auch einen bedeutenden pathogenetischen Faktor: das Rauchen. Auch hier müssen weitere Studien diese Hinweise bestätigen und absichern. 

Fazit: Zusammenhänge zwischen Parodontitis und Arteriosklerose, Herzinfarkt, Frühgeburten und Lungenerkrankungen scheinen zumindest wahrscheinlich. Eine direkte Wirkung der Parodontitis ist jedoch noch für keine der genannten Erkrankungen eindeutig erwiesen. Man muss sich aber vor Augen halten, dass bei einer Parodontitis aller 32 im Mund vorhandenen Zähne insgesamt eine Wundfläche von mehr als 70 cm2  entsteht. Das entspricht etwa der Größe einer Handfläche. Diese Wundfläche ist mit etwa 1011 Mikroorganismen besiedelt, also mit mehr Keimen als es Menschen auf der Erde gibt. Gesund ist das bestimmt nicht!


Wie wird eine Parodontitis behandelt?

Zur Behandlung einer Parodontitis reicht eine einfache Zahnreinigung zu hause nicht mehr aus. Nur eine in der Zahnarztpraxis durchgeführte systematische Parodontalbehandlung kann einen Stillstand der Zahnbettentzündung bewirken. Die Parodontalbehandlung läuft immer in mehreren Stufen ab.

1. Vorbehandlung

        Indikation         Kontraindikation
  • bei einer durch Plaque (Beläge) verursachten Entzündung des Zahnhalteapparates


  • Patienten mit erhöhter Blutungsneigung (Rücksprache mit Hausarzt) 
  • Patienten mit Herzerkrankungen (Rücksprache mit Hausarzt)

In der Vorbehandlung werden zunächst harte und weiche Beläge von den Zähnen entfernt. Außerdem erhält der Patient individuelle Hinweise für seine Mundpflege. Bei Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen ist nach der Vorbehandlung, aber vor dem Beginn einer systematischen Parodontalbehandlung ein Parodontalstatus (PAR-Status) zu erstellen.

Hierzu werden  die Tiefen sämtlicher Zahnfleischtaschen mittels einer parodontalen Mess-Sonde (PSI-Sonde) ermittelt. Zu den Standarduntersuchungen gehört die Anfertigung eines Einzelbilder-Röntgenstatus bzw. einer Gesamtaufnahme (Orthopantomogramm (OPG)) der Kiefer. Da die bisher vorhandenen mikrobiologischen Tests hinsichtlich ihrer klinischen Bedeutung noch nicht ausreichend nachgewiesen sind, ist nur in einigen wenigen Fällen eine mikrobiologische Analyse zur weiteren Diagnostik und Therapieplanung hilfreich. Dies betrifft in erster Linie therapieresistente, so genannte "refraktäre Parodontitiden“ (Walter et al. 2005).


2. Hauptbehandlung (Parodontalbehandlung)

        Indikation         Kontraindikation
  • nach Vorbehandlung noch tiefe Zahnfleischtaschen (>5mm) vorhanden.
  • Knochentaschen
  • freiliegende Furkationen
  • Patient führt keine oder nur unzureichende häusliche Mundhygiene durch
  • Allgemeinerkrankungen, die eine Operation im Mund verbieten

Während in der Vorbehandlung weiche und feste Beläge im Bereich der Zahnkrone entfernt wurden, erfolgt jetzt die Reinigung der Zahnwurzeloberflächen, die sogenannte "Kürettage“. Die Zähne werden sozusagen unter dem Zahnfleisch geputzt. Zahnstein, Plaque und Bakterien werden entfernt, so dass der Körper wieder in der Lage ist, die Entzündung selbst in den Griff bekommt. Diese Reinigung geschieht schmerzlos in örtlicher Betäubung. Verwendet werden feine Hand- oder Ultraschallinstrumente.

Ist die Parodontitis schon weit fortgeschritten und die Zahnfleischtaschen dementsprechend sehr tief, muss das Zahnfleisch zur Entfernung der Beläge an den betroffenen Zähnen chirurgisch abgelöst werden („Lappenoperation“). Nach der gründlichen Säuberung der Zahnwurzeln und der Glättung des Knochens unter Sicht wird das Zahnfleisch wieder an die Zähne angelegt und vernäht. In einigen Fällen kann eine Antibiotikatherapie sinnvoll sein.
 
Diese klassische Parodontaltherapie verhindert das Wiederaufleben der Parodontitis. Der bereits abgebaute Knochen wird aber nicht wiederhergestellt. Er bleibt reuziert und die Zahnhälse erscheinen länger.

Mit Hilfe der gesteuerten Geweberegeneration (Guided tissue regeneration = GTR) besteht heute die Möglichkeit, den abgebauten Knochen und die Zahnhaltefasern wieder aufzubauen. Bei diesem Verfahren wird eine Folie zwischen Zahnfleisch und den Zahnhalteapparat gelegt. So kann der Körper die langsam wachsenden Stütz- und Haltezellen wieder aufbauen, bevor die rasch in die Tiefe wachsenden Zellen des Zahnfleisches den Raum füllen.

Eine andere Technik zur Wiederherstellung des abgebauten Knochens ist das Einpflanzen von körpereigenen Knochenteilen (autologe Augmentation) oder das Einbringen von körperfremden Wachstumsproteinen. In günstigen Fällen kann durch diese Therapien die Hälfte des abgebauten Knochens wieder aufgebaut werden. Eine völlige Wiederherstellung ist aber auch mit diesen Verfahren nicht möglich.


3. Nachsorge
Durch die Parodontalbehandlung ist die Parodontitis zum Stillstand gekommen. Mit einer gründlichen Zahnpflege kann der Patient nun selbst dazu beitragen, eine erneute Entzündung zu vermeiden. Genauso wichtig sind regelmäßige Kontrollen beim Zahnarzt. Hier werden die Zähne auf vorhandene Beläge untersucht und festgestellt, ob das Zahnfleisch entzündungsfrei ist. So bleiben die Zähne und der Zahnhalteapparat bis ins hohe Alter gesund.


Patientenratgeber "Gesundes Zahnfleisch"

Ein Ratgeber der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie informiert Sie über Früherkennung, Vorbeugung und Behandlungsverfahren von Zahnfleisch- und Zahnbetterkrankungen. Die Broschüre wurde mit Unterstützung der GABA meridol Forschung erstellt. Sie können den Ratgeber als Acrobat-Reader-Datei auf Ihren Computer herunterladen.
Download Patientenratgeber (pdf-Datei, 398 KB).


Diabetes mellitus und Parodontitis - das Zusammenspiel zweier Volkskrankheiten

Allein in Deutschland gibt es etwa sechs Millionen Diabetiker. Schätzungen gehen davon aus, dass die Gesamtzahl sogar bei acht Millionen Erkrankten liegt. Die Diabeteserkrankung kann schwerwiegende Folge- bzw. Begleiterkrankungen, wie beispielsweise Augen-, Nieren und Nervenschäden oder das Diabetische Fußsyndrom, auslösen. Viele Diabetiker wissen jedoch oftmals nicht, dass auch Parodontitis eine solche Folgeerkrankung sein kann. Dabei ist das Risiko eines Diabetikers, an einer schweren Parodontitis zu erkranken, größer als bei einem Gesunden. mehr ... 


Full-mouth desinfecction oder: Ganzer Mund versus Quadrant

Die an der katholischen Universität Leuven in Belgien und an der Dentalhygieneschule in Zürich entwickelte Methode beruht auf der Annahme, dass Zahnfleischtaschen, die herkömmlich behandelt werden (siehe oben), schnell wieder neu durch krankmachenden Parodontitis-Bakterien infiziert werden können. Denn die Bakterien sitzen nicht nur in den Zahntaschen, sondern befinden sich auch auf der Mundschleimhaut, auf der Zunge, im Speichel und auf den Rachenmandeln. Daher kann es innerhalb weniger Tage zu einer Neu-Infektion der gerade behandelten Zahnfleischtasche kommen.

Bei der herkömmlichen Parodontitistherapie erfolgt die Behandlung in mehreren Sitzungen, die über einige Wochen verteilt sind. Durch die in der Mundhöhle und in den noch nicht behandelten Taschen vorhandenen Bakterien kann eine Neu-Infektion der bereits behandelten Taschen erfolgen. Um dies auszuschließen sieht das Full-Mouth-Desinfection-Konzept der Rundum-Desinfektion des ganzen Mundraumes vor, sehr rasch, möglichst innerhalb weniger Tage, alle Quellen einer möglichen Re-Infektion auszuschließen. Hierzu wird die Taschenbehandlung ("Curettage") in nur ein bis zwei Sitzungen durchgeführt. Gleichzeitig wird durch Zungenreinigung und Sprühdesinfektion des Rachenraums in Verbindung mit speziellen hochwirksamen Mundspüllösungen (Chlorhexidin) ein gesundes Milieu ohne Parodontitis-Bakterien geschaffen.

Was sich theoretisch gut anhört, scheint aber in der praktischen Anwendung keine besseren Heilungserfolge zu bringen. Die Wissenschaftler Jepsen und Jervøe-Storm von der Universität Bonn stellen in vergleichenden Studien fest, dass es im Ergebnis keinen Unterschied macht, ob man das Scaling und Root Planing komplett durchführt oder nach Quadranten über mehrere Termine verteilt. Zu diesem Ergebnis kommt auch Dr. Apazidou, eine engagerte Forscherin auf dem Gebiet der Full-mouth desinfection. Im Rahmen eigener Untersuchungen konnte sie keine maßgeblichen Unterschiede zwischen herkömmlicher Behandlung und Full-mouth desinfection feststellen (Spectator Dentistry 3/2007). Auch eine Meta-Analyse zur Evidenz (= Beweis der besseren Wirksamkeit) des "Full-mouth-disinfection"-Konzepts, die sieben Studien umfasste, liefert keinen Beleg für eine Überlegenheit der Full-mouth desinfection (4. ARPA-Workshop zur Full-mouth disinfection, März 2007 in Würzburg). Hinzu kommt, dass verschiedene Studien zeigen, dass die Full-mouth desinfection bei einigen Patienten einen Anstieg der Körpertemperatur sowie eine Erhöhung der Blutsenkungsgeschwindigkeit auslöst. Außerdem beklagten sich Patienten nach der Full-mouth desinfection häufiger über Beschwerden und wiesen einen höheren Konsum an Schmerzmitteln auf als Patienten, die abschnittsweise in wöchentlichen Abständen behandelt wurden (Jörg Meyle, Professor für Parodontologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen, anläßlich des 4. ARPA-Workshops 2007 in Würzburg).


Parodontitisbehandlung mit der Vector Methode

Für die Parodontaltherapie gibt es zahlreiche Methoden und Hilfsmittel. Neben der Zahnwurzelreinigung unter Sicht, bei der das Zahnfleisch zunächst chirurgisch von der Zahnwurzel abgeklappt wird ("offenes Verfahren"), kann die Zahnwurzelreinigung mit Hilfe sehr feiner Instrumente auch ohne die Abklappung des Zahnfleisches ("geschlossenes Verfahren") durchgeführt werden.

Seit einiger Zeit werden Ultraschallgeräte zur Erleichterung der Wurzelobeflächenbearbeitung eingesetzt, zu denen auch das Vector-Gerät der Firma Dürr Dental gehört. Hierbei werden die Zahnwurzeln mit feinen Ultraschallinstrumenten gereinigt (siehe hierzu auch die wissenschaftliche Stellungnahme der DGZMK). Ein weißes Poliermittel (Hydroxylapatitkristale) sorgt ähnlich einer Zahncreme dafür, dass die Beläge und Bakterien auch sicher entfernt werden und dass die Zahnwurzel glatt bleibt. Laut Herstellerangaben ist die Entfernung von Biofilm und Zahnstein für den Patienten nahezu schmerzfrei. Ob das Vector-Verfahren wirksamer ist als das bisherige Vorgehen ist zur Zeit noch nicht abschließend geklärt. mehr ...


Laser in der Parodontologie

Im Rahmen der Parodontalbehandlung wird immer wieder der Einsatz von Laser diskutiert. Zwar führt die Laserbehandlung zu einer Verringerung der Keime in den Zahnfleischtaschen. Eine echte „Sterilisierung“ ist aber nicht nachzuweisen. Auch die immer wieder ins Feld geführte bessere Wundheilung durch die „Laser-Biostimulation“ ist wissenschaftlich nicht belegt.

Die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) kommt daher zu dem Resümee: „Viele Patienten haben hohe Erwartungen an eine vereinfachte Parodontalbehandlung durch den Einsatz von Lasergeräten. Dem stehen zur Zeit nur wenige fachlich begründete Indikationen gegenüber. (....) In der Forschung zeichnen sich einige Entwicklungen ab, die zukünftig für die Parodontologie von praktischem Interesse sein könnten: die selektive Abtragung von Zahnstein und Konkrementen mit speziellen Lasersystemen, die Entepithelisierung mit Lasern als Maßnahme zur gesteuerten Geweberegeneration, die laserunterstützte Fluoridierung freiliegender Wurzeloberflächen oder der Einsatz laseraktivierbarer Photosensitizer zur gezielten Keimelimination in parodontalen Taschen. Eine abschließende Beurteilung dieser interessanten Forschungsansätze wird jedoch erst in mehreren Jahren möglich sein.“


Der Parodontale Screening Index (PSI)

Parodontale Erkrankungen sollten in der Zahnarztpraxis möglichst frühzeitig erkannt werden, da dann die besten Behandlungsergebnisse erzielt werden können. Zur Früherkennung parodontaler Schäden wurde 1992 in den USA von den zahnärztlichen Gesellschaften American Association of Periodontology (AAP) und  American Dental Association (ADA) der PSI eingeführt, in Europa waren Italien und die Niederlande Vorreiter.  
Das Verfahren ist kostengünstig, relativ rasch durchzuführen und kommt ohne großen apparativen
Aufwand aus. Mit der WHO-Sonde, einer speziellen Parodontalsonde, können einfach und schnell die zwei
klinischen Parameter Blutungsneigung und Sondierungstiefe gemessen werden. mehr...


Welche Kosten übernimmt die gesetzliche Krankenkasse?

        Beteiligung durch gesetzl. Krankenkasse
  • Ja, die Kosten einer Parodontalbehandlung werden von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Allerdings muss vor Behandlungsbeginn eine Parodontalbehandlungsplan, der sogenannte Parodontalstatus, eingereicht und von der Krankenkasse genehmigt werden. Allerdings werden einige Behandlungsmaßnahmen, z. B. eine begleitende regelmäßige professionelle Zahnreinigung, nicht von der Kasse übernommen.


Fachgesellschaften und weitere Adressen im Internet

Im Internet finden Sie weitere Informationen. Einige Adressen haben wir für Sie zusammengestellt. Aus rechtlichen Gründen weisen wir darauf hin, dass wir keine Verantwortung für die Inhalte der gelinkten Web-Seiten sowie deren Verknüpfungen zu anderen Web-Seiten übernehmen können. 

        Fachgesellschaften / weitere Adressen


Wissenschaftliche Stellungnahmen der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde

Die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) gibt zu bestimmten Themen der Zahnheilkunde wissenschaftliche Stellungnahmen heraus. Bevor ein Text als offizielle Stellungnahme der DGZMK veröffentlicht wird, wird er sowohl von Fachvertretern und dem Vorstand der jeweils betroffenen Fachgruppierung als auch vom Vorstand der DGZMK kontrolliert. Nach Veröffentlichung überprüfen die Fachgesellschaften mit Hilfe einer Checkliste im regelmässig die Aktualität der Stellungnahmen.

Zum Betrachten und Ausdrucken der Stellungnahmen benötigen Sie den Adobe Acrobat Reader.

        Wissenschaftliche Stellungnahmen der (DGZMK) und anderer Fachgesellschaften zu diesem Thema

Literatur:
Fuhrmann, F.: Nutzung kommerzieller mikrobiologischer und Interleukin-1-Polymorphismus-Tests für die Prävention und Therapiekontrolle der chronischen Parodontitis in einer zahnärztlichen Praxis; Dissertation an der FU Berlin, 2006. (Volltext).
Schlagenhauf, U.: Dedeutung der häuslichen Plaquekontrolle für die Therapie und Prävention parodontaler Erkrankungen – Reflektieren etablierte Konzepte immer noch das aktuelle Wissen? Parodontologie (2007) 18: 119-127. (Zusammenfassung).
Netzwerk Entzündungsforschung: Parodontitis als Problem der fehlgesteuerten Immunantwort (2007): http://www.inflammation-at-interfaces.de/42.28.0.0.1.0.phtml.
Mucci, L. A., Björkman, L., Douglass, C. W.,  Pedersen, N. L.: Environmental and heritable factors in the etiology of oral diseases – a population-based study of Swedish twins; Journal of Dental Research 2005; 84: 800-805.
Walter, C., Saxer, U. P., Bornstein, M. M., Klingler, K., Ramseier, C. A.: Einfluss des Tabakkonsums auf das Parodont – ein Update. Teil 1: Epidemiologische und pathogenetische Aspekte tabakbedingter Schädigungen am Parodont; Schweiz Monatsschr Zahnmed (2007) 117: 45-54. (Volltext).
Natto, S.: Tobacco smoking and periodontal health in a Saudi Arabian population; Swed Dent J Suppl. 2005; (176): 8-52.
Natto, S., Baljoon, M., Bergstrom, J.: Tobacco smoking and periodontal health in a saudi arabian population; J Periodontol. 2005; 76(11):1919-1926.
American Academy of Periodontology: Avoid the hookah and save your teeth; Statement vom 7. November 2005.
Saletu, A., Pirker-Frühauf. H., Saletu, F., Linzmayer, L., Anderer, P., Matejka, M.: Controlled clinical and psychometric studies on the relation between periodontitis and depressive mood. J Clin Periodontol 2005; 32 (12): 1219-1225.
Krahwinkel, T., Wang, D., Willershausen, B.: Zusammenhang zwischen individuellen Stressfaktoren und aggressiven Parodontitisformen; Dtsch Zahnärztl Z 2005; 60 (11): 616-623.
Dörfer, Ch.: Parodontits und Allgemeingesundheit. ZM (2007) 97: 3242-3250. (Volltext).
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Tezal, M., Sullivan, M. A., Reid, M. E., Marshall, J. R., Hyland, A., Loree, T., Lillis, C., Hauck, L., Wactawski-Wende, J., Scannapieco, F. A.: Chronic Periodontitis and the Risk of Tongue Cancer; Arch Otolaryngol Head Neck Surg (2007) 133: 450-454. (Zusammenfassung, englisch).
Tonetti, M. S., d‘Aiuto, F., Nibali, L., Donald, A ., Storry, C., Parkar, M., Suvan, J., Hingorani, A. D., Vallance, P., Deanfield, J.: Treatment of Periodontitis and Endothelial Function. N Engl J Med (2007) 356: 911-920.
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Medaustria.at: Frühgeburt-Risiko für Frauen mit Parodontitis siebenfach erhöht.
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Khader, Y. S.: Periodontal Diseases and the Risk of Preterm Birth and Low Birth Weight: A Meta Analysis. J Periodontol 2005:76 (2): 161-165.
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P M Jervøe-Storm, E Semaan, H AlAhdab, S Engel, R Fimmers, S Jepsen: Clinical outcomes of quadrant root planing versus full-mouth root planing; J Clin Peridontol 2006; 33 (3): 209-215).
S Jepsen, P-M Jervøe-Storm: Vortrag auf dem GABA-Workshop des 5. Europerio-Kongresses in Madrid am 30. Juni 2006.
Stellungnahme der DGZMK „Laser in der Parodontologie“, Stand 7/2004).

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Dieser Beitrag wurde von den im Impressum unter "Redaktion" genannten Zahnärzten und zahnmedizinischen Fachkräften erstellt und vom Schlussredaktionsteam didaktisch überarbeitet.
Datum der Erstellung: 01.02.2003, letzten Änderung: 06.01.2008, letzte Überprüfung: 06.01.2008. 



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