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Unterkiefer Rücklage (Klasse II)

 

Die Bezeichnung der Angle Klasse-II (Synonym: Rückbiss, Distalbiss) umschreibt eine Gruppe von Zahn- und / oder Kieferfehlstellungen mit einem zurückliegendem Unterkiefer. Es existieren zwei große Unterkategorien, die klinisch unterschiedlich aussehen und sich auch in der Therapie unterscheiden können.

Die erste Untergruppierung stellen die so genannten Klasse-II/1-Anomalien dar. Besonders charakteristische Merkmale hierfür sind ein nach hinten abfallendes Kinn, häufig eine offene Mund- und Lippenhaltung und eine tiefe Falte unterhalb der Unterlippe. Im Mundinneren haben diese Patienten meist einen besonders hohen Gaumen sowie schmalen Oberkiefer mit weit nach vorne gekippten oberen Schneidezähnen und eine große Stufe zwischen den oberen und unteren Schneidezähnen. Gerne ist diese Erkrankung auch mit einem Tiefbiss vergesellschaftet (siehe Tiefbiss - 3.3).

In der Regel wird diese Erkrankung erst bei Durchbruch der bleibenden Backenzähne (ca. 10 Lebensjahr) behandelt. Vorher können und sollten jedoch schlechte Angewohnheiten, die dieses Krankheitsbild fördern, abgestellt werden. Eine Unterstützung mittels kleinerer kieferorthopädischer Geräte, z.B. einer Mundvorhofplatte, kann sinnvoll sein (siehe Vorsorge - 1). Die kieferorthopädische Normalbehandlung verfolgt das Ziel einer Vorverlagerung des Unterkiefers zur Verringerung der großen Frontzahnstufe und damit auch zur Verringerung einer Verletzungsgefahr der weit hervorstehenden oberen Schneidezähne, z.B. bei einem Sturz. Dafür werden in der Wachstumsphase die körpereigenen Wachstumsprozesse ausgenutzt, um das Unterkieferwachstum zu fördern und zeitgleich das Oberkieferwachstum etwas zu bremsen. Zusätzlich muss Platz geschaffen werden, um die nach vorne gekippten oberen Frontzähne nach hinten zu schieben und in den Zahnbogen einordnen zu können.

Die zweite Untergruppierung bilden die Klasse-II/2-Anomalien. Im Profil betrachtet, fällt bei diesem Patienten häufig eine große Nase, ein prominentes Kinn keine kurze Oberlippe und ein kurzes unteres Gesichtsdrittel ins Auge. Im Mundinneren haben diese Patienten einen besonders flachen Gaumen sowie nach innen gekippte obere Schneidezähne. Sehr häufig ist diese Erkrankung mit einem ausgeprägten Tiefbiss – auch Deckbiss genannt – vergesellschaftet (siehe Tiefbiss - 3.3). Dabei überlappen die oberen Schneidezähne die unteren Schneidezähne vollständig.

Die Therapie dieses Fehlbisses wird im Normalfall mit dem Herausfallen der seitlichen Milchzähne begonnen (ca. 10. Lebensjahr). Die kieferorthopädische Behandlung verfolgt auch hier das Ziel einer Vorverlagerung des Unterkiefers. Häufig müssen im ersten Schritt die oberen Schneidezähne nach vorne gekippt werden, der Unterkiefer kann danach auch selbständig etwas nach vorne rutschten, da das Zahnhindernis im Oberkiefer beseitigt wurde. häufig Für die Vorverlagerung des Unterkiefers werden auch in diesem Fall in der Wachstumsphase die körpereigenen Wachstumsprozesse ausgenutzt und das Unterkieferwachstum gefördert. Zusätzlich muss ggf. der tiefe Biss therapiert werden (siehe Tiefbiss - 3.3).

Im Fall der Klasse-II/1 ist auch die vergrößerte Fronzahnstufe ein entscheidender Faktor zur Beurteilung des Ausmaßes. Je nach Ausprägung der Erkrankung übernimmt die gesetzliche Krankenkasse die Kosten für eine kieferorthopädische Therapie bei Kindern und Jugendlichen (siehe KIG-Tabelle - 5.1.1). Bei der Therapie nach Wachstumsabschluss reicht die kieferorthopädische Behandlung allein nicht mehr aus, um die Kieferfehllagen auszugleichen. Es können bei starker Ausprägung dann Kombinationen mit chirurgischen Maßnahmen in Erwägung gezogen werden, um die Kiefer zueinander korrekt einstellen zu können. In einzelnen Fällen kann im Erwachsenenalter auch ein Therapiekonzept zur „Verschleierung“ der Erkrankung in Betracht kommen. Dabei kann beispielsweise durch gezielte Extraktionen bleibender Zähne z.B. die Verringerung einer großen Frontzahnstufe erreicht werden ohne die knöcherne Kieferfehllage tatsächlich zu verändern.

Therapiemöglichkeiten bei Kindern und Jugendlichen im Wachstum:
a) Herausnehmbare Spangen → Funktionskieferorthopädische Geräte
    → Aktive Platten
b) Extraorale Geräte → Headgear
c) Hilfsmittel für die Bissverschiebung
    → z.B. Herbst-Schanier oder Herbst-Modifikationen, z.B. Sabbagh Universal Spring (SUS2) oder Forsus-Feder
d) Multibracketapparatur („feste Spange“) mit Klasse-II-Gummizügen

Therapiemöglichkeiten bei erwachsenen Patienten:
a) Multibracketapparatur
b) Multibracketapparatur in Kombination mit chirurgischen Maßnahmen zur Umstellung der Kieferlagen
c) Multibracketapparatur zur Kompensation einer Kieferfehllage, z.B. in Verbindung mit Reduktion der Zahnzahl

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Dieser Beitrag wurde von den im Impressum unter "Redaktion" genannten Zahnärzten und zahnmedizinischen Fachkräften erstellt und vom Schlussredaktionsteam didaktisch überarbeitet.
Datum der Erstellung: 19.03.2011, letzten Änderung: 19.03.2011, letzte Überprüfung: 19.03.2011. 


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