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Bürstenbiopsie (Krebsfrüherkennung)

 

Weißliche Mundschleimhautveränderung am Mundboden. Foto: dentimages. 
Weißliche Mundschleimhautveränderung (Leukoplakie) am Mundboden.
Foto: dentimages.









Nach Schätzungen des Robert-Koch-Institutes erkranken jährlich fast 11.000 Personen an einem Karzinom der Mundhöhle. Die Plattenepithelkarzinome der Mundhöhle gehört damit weltweit zu den sechs häufigsten Tumoren des Menschen und machen nach dem SEER-Programm (Surveillance, Epidemiology and End Result Program) des National Cancer Institute of the United States Public Health Service etwa 95% aller bösartigen Erkrankungen des Mund-, Kiefer- und Gesichtsbereichs aus. Plattenepithelkarzinome können aus einer Leukoplakie ("weißer Fleck") hervorgehen. Vor allem das Rauchen, besonders das Pfeiferauchen, und der Genuß von Alkohol sind Risikofaktoren für das Auftreten von Leukoplakien. Diese weißlichen Veränderungen sind bei Rauchern sechsmal häufiger zu finden als bei Nichtrauchern. Rauchen war vielleicht auch der Grund, warum Sigmund Freud (6.5.1856 - 23.9.1939), Nervenarzt und Begründer der Psychoanalyse, 1939 an den Folgen eines Leukoplakiekarzinoms des Gaumens starb. Immerhin rauchte Freud während seines Berufslebens bis zu 20 Zigarren am Tag. 1923 erkrankte er an einem Karzinom am rechten vorderen Gaumen. Schon durch eine bewußte Lebensführung kann das Krebsrisiko deutlich verringert werden - ganz ausschließen lässt sie sich aber nie.

Trotz modernster Methoden ist es in den letzten vier Jahrzehnten nicht gelungen, die sogenannte Fünfjahresüberlebensrate wesentlich zu erhöhen. Noch immer stirbt fast jeder zweite Patient innerhalb von fünf Jahren. Dabei ist bei frühzeitiger Feststellung der Krankheit ist eine Heilung möglich – vorausgesetzt, die Erkrankung wird überhaupt im Anfangsstadium erkannt. Und das ist selbst für einen geübten Zahnarzt nicht einfach! Nicht jede zunächst verdächtig aussehende Mundschleimhautveränderung ist bösartig. Andererseits kann eine zunächst unverdächtig aussehende Stelle bösartig sein. Was aber auch bedeutet: Nicht bei jeder kleinen Veränderung kann gleich ein Stück Mundschleimhaut entfernt werden, um es in speziellen Laboren untersuchen zu lassen.

Bereits 1997 stellte die Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie der Universität Leipzig ein Untersuchungsverfahren vor, dass ohne großen technischen und zeitlichen Aufwand dem Zahnarzt ermöglicht, Schleimhautveränderungen auf Gut- oder Bösartig zu unterscheiden. Hierzu wird mit einer speziellen Bürste von der verdächtigen  Stelle im Mund ein Abstrich gemacht. Dazu wird die kleine Bürste mit Druck gedreht, um reichlich Zellmaterial auf die Borsten aufzuladen. Die Zellen werden durch Abrollen der Bürste auf einen oder mehrere Objektträger aufgebracht und luftgetrocknet. Anschließend werden die Objektträger mit einem Kurierdienst in ein spezielles Labor gebracht und ausgewertet. Die Methode ist schmerzfrei und unblutig. Bereits nach wenigen Tagen liegt das Ergebnis vor. Bösartige Erkrankungen lassen sich frühzeitig erkennen. Verzögernde und verschleppende Therapien werden vermieden. Daher ist die Bürstenbiopsie eine sinnvolle Methode, die dann zum Einsatz kommen kann, wenn eine sichtbare Schleimhautveränderung vorliegt, die als nicht dringend tumorverdächtig angesehen wird. Eine Fehleinschätzungen kann so vermieden werden. Nach Meinung von Driemel et al. (2008) ist die Bürstenbiopsie als Screeningverfahren ungeeignet. Außerdem lassen sich Veränderungen an der LIppe nicht auf Gut- oder Bösartig unterscheiden. Ursache hierfür ist die ausgeprägte Keratinisierung der Lippenschleimhaut.

Das Bürstenbiopsie-Set besteht aus Abstrichbürsten, Glasobjektträgern sowie einem zytologischen Sprayfixativ.    Bürstenbiopsie einer verdächtigen Schleimhautveränderung am Gaumen (Foto: idw). 
Das Bürstenbiopsie-Set besteht aus Abstrichbürsten, Glasobjektträgern sowie einem zytologischen Sprayfixativ.    Bürstenbiopsie einer verdächtigen Schleimhautveränderung am
Gaumen (Foto:idw).
 


Größere Studien sind nötig

Nicht verschwiegen werden darf, dass einige Experten den Nutzen der Bürstenbiopsie kritisch sehen. Sie bemängeln, dass es keine Untersuchungen mit einer größeren Patientenzahl gibt, die belegen, dass eine Bürsten-Biopsie die Heilungschancen von Menschen erhöht. Außerdem können sich beim Zellabstrich oder bei der Auswertung Fehler einschleichen. Was auch der MItentwicker des Dagnostikverfahrens, Prof. Remmerbach, auf der Homepage der Deutschen Gesellschaft für Orale Diagnostika (DGOD) nicht verschweigt: "Trotz einfacher Handhabung können für Ungeübte bei der Entnahme Schwierigkeiten in den verschieden Regionen der Mundhöhle auftreten". Daher empfiehlt die von Remmerbach 2004 gegründete DGOD  den Zahnärzten dringend eine spezielle Schulung. In einem Artikel der Süddeutschen Zeitung hinterfragt die Autorin Nicola Kuhrt nicht nur die wissenschaftliche Bewährung des Verfahrens, sondern diskutiert auch die Verflechtung des Mitentwicklers Alfed Böcking (Institut für Cytopathologie Düsseldorf) und seines Schülers Remmerbach (Universität Leipzig) mit der Firma, die den Bürstenbiopsie-Test vertreibt (SZ, 07.08.2007).

Vor diesem Hintergrund ist es nur konsequent, dass auch eine wissenschaftliche Stellungnahme der Deutsche Gesellschaft für Zahn- Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) davon ausgeht, dass eine wissenschaftliche Bewertung des Verfahrens noch aussteht. Zum gleichen Ergebnis kommt eine Übersichtsarbeit von Kujan et al. (2005). Bei jedem eindeutigem Karzinom-Verdacht ist eine Bürstenbiopsie unnötig, denn dann ist es immer notwendig, Gewebe aus der verdächtigen Stelle zu entnehmen. Treffend formuliert es Martin Kunkel, Kieferchirurg an der Mainzer Universitätsklinik: "Die Brush-Biopsie ist nicht der onkologische Zauberstab des Zahnarztes". Die Bürstenbiopsie ist aber geeignet, um alltägliche, harmlos erscheinende Mundschleimhautveränderungen zu untersuchen und auszuschließen, dass sich hinter ihnen eine Präkanzerose oder ein Karzinom im Frühstadium verbirgt.


Welche Kosten übernimmt die gesetzliche Krankenkasse?

        Beteiligung durch gesetzl. Krankenkasse
  • Ja, Kosten für diesen Test werden von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen.


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Wissenschaftliche Stellungnahmen der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde

Die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) gibt zu bestimmten Themen der Zahnheilkunde wissenschaftliche Stellungnahmen heraus. Bevor ein Text als offizielle Stellungnahme der DGZMK veröffentlicht wird, wird er sowohl von Fachvertretern und dem Vorstand der jeweils betroffenen Fachgruppierung als auch vom Vorstand der DGZMK kontrolliert. Nach Veröffentlichung überprüfen die Fachgesellschaften mit Hilfe einer Checkliste im regelmässig die Aktualität der Stellungnahmen.

Zum Betrachten und Ausdrucken der Stellungnahmen benötigen Sie den Adobe Acrobat Reader.

        Wissenschaftliche Stellungnahmen der (DGZMK) und anderer Fachgesellschaften zu diesem Thema

Literatur:
Ataya, K.: Biomarker zur Früherkennung obligater Präkanzerosen der Mundschleimhaut mittels „Brush“- Zytologie. Dissertation. Münster, 2008. (Volltext).
Böcking, A., Becker, J., Remmerbach, T. W.: Bürstenbiopsie zur Mundkrebsfrüherkennung. Zahnärztliche Mitteilungen 2004;  9:24-28. (Volltext).
Breitung, K., Remmerbach, T. W.: Mundkrebsfrüherkennung – eine Herausforderung in der Oralen Medizin. Der Freie Zahnarzt 2006; 7-8:40-45.
Driemel, O., Kunkel, M., Burkhardt, A., Hemprich, A., Howaldt, H.-P., Kosmehl, H., Mohr, Ch., Reichart, P. A., Wolff, K.-D.: Erkennung oraler Risikoläsionen in der zahnärztlichen Praxis. Diagnostische Hilfsmittel. Zahnärztliche Mitteilungen 2008; 3:52-56. (Volltext).
Kosicki, D. M., Riva, C., Pajarola, G. F., Burkhardt, A., Grätz, K. W.: CDx-Bürstenbiopsie – Ein Hilfsmittel zur Früherkennung des Mundhöhlenkarzinoms; Schweiz Monatsschr Zahnmed (2007) 117: 222-227. (Volltext).
Kujan, O., Glenny, A. M., Duxbury, J., Thakker, N., Sloan, P.: Evaluation of screening strategies for improving oral cancer mortality: a cochrane systematic review. J Dent Educ, 2005; 69(2): 255-65. (Volltext, englisch).
Pindborg, J. J.: Oral Cancer and Precancer. Bristol: Wright; 1980.
Reichart, P. A., Philipsen, H. P.: Oralpathologie. Stuttgart: Georg Thieme Verlag, 1999.
Remmerbach, T. W., Weidenbach, H., Hemprich, A. et al.: Earliest detection of oral cancer using non-invasive brush biopsy including DNA-image-cytometry: report on four cases. Anal Cell Pathol 2003; 25, 159-66. (Zusammenfassung, englisch).
Scheifele, C., Schmidt-Westhausen, A. M., Dietrich, T. et al.: The sensitivity and specificity of the OralCDx technique: evaluation of 103 cases. Oral Oncol 2004; 40, 824-8. (Zusammenfassung, englisch).
Silverman, S. J.: Early diagnosis of oral cancer. Cancer 1988; 62, 1796-9.
Süddeutsche Zeitung vom 07.08.2007: Mit der Bürste gegen den Tumor. (Volltext).

Znaor, A., Brennan, P., Gajalakshmi, V., Mathew, A., Shanta, V., Varghese, C., Boffetta, P.: Independent and combined effects of tobacco smoking, chewing and alcohol drinking on the risk of oral, pharyngeal and esophageal cancers in Indian men. Int J Cancer 2003; 105(5); 681-6. (Zusammenfassung, englisch).

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Dieser Beitrag wurde von den im Impressum unter "Redaktion" genannten Zahnärzten und zahnmedizinischen Fachkräften erstellt und vom Schlussredaktionsteam didaktisch überarbeitet.
Datum der Erstellung: 25.12.2008, letzten Änderung: 03.01.2011, letzte Überprüfung: 03.01.2011. 


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